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Kommentar zu Botho Strauß: der St.-Andreas-Graben

| Von Helmut Woll | Permanenter Link | Allgemeines

Botho Strauß hat sich in seinem aktuellen Beitrag in der FAZ, vom 23.8.2011 mit großem Entsetzen an die Öffentlichkeit gewandt. Er beschreibt ein Szenario von dramatischen Verwerfungen durch die Finanzkrise, den Atomausstieg und die Systemzusammenbrüche in Nordafrika. Die geistigen Potenzen zur Bewältigung dieser Herausforderungen scheinen entschwunden zu sein. Er benützt das Bild des St.-Andreas-Grabens, in der die ‚Platte der alten Gewissheiten sich gegen die Platte neuer Ungewissheit mit Getöse verschiebt‘.. Siehe dazu die Datei auf dieser Homepage:


In der Finanzkrise zeigt sich ein ohnmächtiges Herdenverhalten an den volatilen Märkten, die Politik reagiert ebenfalls mit hektischen sehr teuren Gegenmaßnahmen, die einem Scharmverhalten gleichen, das als alternativlos klassifiziert wird. Dem Volk fehle die ökonomische Bildung. Es gibt zwar eine Reihe von ökonomischen Denkrichtungen und Schulen, doch sei es an der Zeit die Gräben zwischen den Richtungen zuzuschütten und eine Synthese zu begründen. „Es ist jedenfalls anregend und spannend, die verschiedenen Methodenlehren der Nationalökonomie und Geldpolitik zu verfolgen- so weit zu verfolgen, bis man zur tieferen Unschlüssigkeit der gesamten Entwürfe vorstößt und sich der Ablösbarkeit und Widerlegung so gut wie jeder Schule bewusst wird. Schumpeter, Eucken, Müller Armack, von Mises, erst recht Keynes und Friedman gehören nicht nur zur Theorie-Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, im Vergleich zu anderen Denkern, Historikern oder Philosophen nahmen nicht wenige auch einen erheblichen Einfluss auf die Politik und das soziale Leben.“ (Botho Strauß, FAZ, 23.8.2011) Bisher wurden diese Ökonomen eher als Antipoden betrachtet: Schumpeter gegen Keynes oder Eucken gegen Friedman. Im Angesicht der Bedrohung fordert Strauß die Gräben zuzuschütten und das Gemeinsame zu suchen. Was verbindet diese Autoren: Schumpeter steht für die Innovation als Schlüssel wirtschaftlicher Dynamik, Eucken für eine Trennung von Staat und Wirtschaft, Müller Armack für das Soziale in der Marktwirtschaft, von Mises für ein liberales Wirtschaftsdenken, Keynes für die Staatsintervention in Krisenzeiten und Friedman für eine Wohlfahrtsmehrung durch eine stabile Geldpolitik. Gemeinsam ist den Autoren, dass sie in der jeweiligen Zeit und Situation mit neuen Ideen und Vorschlägen geistesgegenwärtig reagiert haben, Ökonomie verstanden haben nicht nur als eine statistische Technokratie, sondern als in der Philosophie begründete Freiheitslehre. Nun ist die wirtschaftliche Entwicklung mehr und mehr zur Weltwirtschaft gereift. Unsere Autoren haben aber zeitbedingt noch sehr starke nationale Prägungen. Es gilt nun die klassische Haushaltslehre, die sich zur Nationalökonomie entwickelte in eine weltwirtschaftliche Denkweise zu überführen, die sich zum Ziele setzt die wirtschaftlichen Belange des globalen Dorfes grundständig aufzubauen: von einer naturnahen Landwirtschaft, mittelständigen Industriewirtschaft, in einer stabilen Geldordnung. In dieser Perspektive wäre der St. Andreas-Graben mit seinen gefährlichen Verwerfungen zu domestizieren.

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